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Ludwig Meinardus –
Komponist, Dirigent und Musikschriftsteller zwischen Lamping und Kuhlo – Erinnerung zum 110. Todestag
von Dieter Nolden
Im 19. Jahrhundert war Ludwig Meinardus als Komponist, Dirigent und Musikschriftsteller bekannt. Da seine Musik nicht durch Schellack- oder Vinyl-Platten, CD`s, Videos und DVD`s für alle Zeiten konserviert und reproduzierbar wurde, geriet dieser nicht unbedeutende Mann in Vergessenheit. In Bielefeld verstorben und begraben, erinnert heute nur noch ein fast verfallenes Grabkreuz auf dem Johannisfriedhof an den im 19. Jahrhundert bekannten Musiker.
Ludwig Meinardus wurde 1827 in Hooksiel / Jadebusen geboren und lebte seit 1835 in Jever in einer Familie mit fünf Kindern. Während seiner Schulzeit am Gymnasium erhielt Ludwig den ersten Musikunterricht von seinen Eltern. Früh gab es Kompositionsversuche des Jungen im Banne der Romantik, doch der von ihm so verehrte, früh verstorbene Komponist Robert Schumann (1810-1856), dem Meinardus seine Kompositionen vorlag, sah bei Ludwig eine Diskrepanz zwischen dessen schöpferischen Ideen und der Möglichkeit, aus diesen Einfällen größere Formen zu gestalten. Vater Christoph Meinardus drängte deshalb auf die Ausbildung seines Zöglinges als Cellist oder Organist. Ludwig Meinardus ging ohne Gymnasialabschluss 1847 bis 1853 in Leipzig an die Musikschule, unterlies jedoch schon bald das tägliche Üben und vernachlässigte den Unterricht am Konservatorium sehr. Schließlich nahm er 1847/48 Unterricht bei Ferdinand Riccus (Direktor des Leipziger Theaterorchesters) als Privatlehrer – aber auch dort wieder mit vielen Unterbrechungszeiten. Bald entstanden Kompositionen, die Grundlage späterer Überarbeitungen und Veröffentlichungen wurden. Dabei stand ihm sein Freund Robert Franz (1815-1892) zur Seite, der als Komponist von über 350 Werken bekannt war. Auch Robert Schumann blieb noch bis zu dessen Tod wichtigster Ratgeber von Meinardus, der sich 1848 von Leipzig zurück zog in seine Heimstadt Jever. 1849 wandte er sich dann erstmals mit einer Sonate an den berühmten Virtuosen und Komponisten Franz Liszt (1811-1886), in der Hoffnung, über Liszt einen Verleger zu finden um dadurch finanzielle Nöte lindern zu können. Meinardus, der in den Jahren 1848 – 1852 sechs Sonaten komponiert hatte, blieb jedoch weiterhin ohne Anstellung und ohne Anerkennung seiner Kompositionen. Eine verzweifelte Ausreise des damals 23-jährigen nach Amerika unterblieb nur, weil Meinardus kurz eine Privatlehrerstelle in der Nähe von Potsdam bekam und er ab März 1850 auch den ersehnten Kompositionsunterricht in Berlin bei dem berühmten Musiklehrer Adolph Bernhard Marx (1795-1866) erhielt. Schon bald weilte er wieder bei Liszt in Weimar und in Erfurt erhielt er kurzzeitig eine Stelle als Musikdirektor am Theater .
Liszt, den er ebenso liebte wie fürchtete
Zusammen mit Franz Liszt, den er wegen seines Könnens und seiner menschlichen Ausstrahlung ebenso liebte wie fürchtete, besuchte Meinardus die Uraufführung des „Lohengrin“ von Richard Wagner 1850 in Weimar. Nach eine Zwischenaufenthalt in Jever nahm er ab Ostern 1851 wieder für einige Wochen theoretischen Unterricht bei A.B. Marx , bewarb sich 1852 vergeblich um Dirigentenstellen in Breslau und Potsdam, war dann aber zwei Jahre Mitarbeiter der zukunftsorientierten „Neuen Zeitschrift für Musik“ in Berlin unter Franz Brendel. 1853 erhielt Meinardus endlich – 26-jährig -in Glogau die Stelle des Chorleiters und der Leitung des Sinfonievereins. Meinardus gab auch viele Unterrichtsstunden an die adeligen Töchter aus den umliegenden Dörfern. So lernte er auch Amalie von Conrady, seine spätere, 10 Jahre ältere Frau kennen. Meinardus schloss unter dem religiösen Einfluss der Familie seiner Frau 1856/57 mit dem weltoffenen Leben in Leipzig, Weimar und Berlin ab, wurde selbst streng religiös, verurteilte vor allem Wagner, aber auch Liszt bzw. die sogenannte „Zukunftsmusik“. Dem streng religiösen , sehr konservativ eingestellten Lehrer Meinardus blieben bald die Schüler aus.
Großherzoglicher Oldenburgischer Musikdirektor
Für die Aufführung seines Oratorium „Gideon“ 1862 in Oldenburg und mit 300 Sängern in Dresden erhielt er den Titel „Großherzoglicher Oldenburgischer Musikdirektor“.
Überzogener religiöses Eifer und unzureichende Kompromissfähigkeit gegenüber neuer Musik machten ihm das jedoch das Leben schwer. Da eine Bewerbung in Hannover ohne Erfolg blieb, führte der Weg nach Dresden, wo er immerhin von 1865 bis 1874, also fast zehn Jahre, als Privatdozent am Konservatorium tätig war und seine Frau eine Privatpension zur Sicherung des gemeinsamen Lebensunterhaltes betrieb und in ihrer Wohnung musikalische Matineen veranstaltete, um die Werke ihres Mannes bekannter zu machen.
Musikzustände in Deutschland
Ein Jahr nach Veröffentlichung des Buches „ Musikzustände in Deutschland“ reiste Meinardus wieder zu Liszt, der zu jener Zeit mit seinem Oratorium „Christus“ befasst war. Beide sprachen über das 1871/72 von Meinardus fertiggestellte „Luther-Oratorium“ op. 36. Sie spielten es gemeinsam durch und der berühmte Franz Liszt setzte sich anschließend selbstlos für das Luther-Oratorium von Meinardus ein, bis es 1874 und 1875 in der Stadtkirche von Weimar unter Carl Müller-Hartung zur Aufführung kam.
Das Luther-Oratorium
Das Luther-Oratorium war auch im Luther-Jahr 1883 das musikalische Ereignis (Frankfurt, Göttingen, Erfurt, Genf, sogar in Philadelphia) und es wurde das Werk, das Meinardus zu höchster Reputation verhalf. Das Oratorium wurde noch 1890 in Prag, 1921 in Worms und 1983 in Göttingen aufgeführt.
Meinardus, der sich dennoch von Liszt wieder abwandte, wurde 1874 in Hamburg bei einer Zeitung Musikreferent , veröffentlichte seine Autobiographie „Ein Jugendleben“ (die sehr feinsinnige Beobachtungen aber auch viel „Nabelschau“ enthält) und seine Arbeit über Johann Mattheson. Er schrieb zahlreiche Kritiken und Fachaufsätze, eine Festschrift zur 200-jährigen Bestehen der Hamburger Oper und eine später populäre und ertragreiche Mozart-Biographie. Seine Musik-Kritiken waren im Laufe der Jahre aber immer unsachlicher geworden und schließlich wurde ihm die Stelle als Musikkritiker 1885 in Hamburg wieder gekündigt.
Meinardus fand nicht und wollte wohl auch nicht den Anschluss an die Moderne - weder als Schriftsteller noch als Komponist.
Der Vorstand in Bielefeld wollte Meinardus – doch der Chor war dagegen.
Sein musikalisches Wissen, seine Erfahrungen als Chorleiter und seine strenge Religiosität führten Meinardus 1885 zur Bewerbung um eine Stelle in Bielefeld als Kapellmeister im „Musikverein“ in Verbindung mit einer Organistenstelle und dem Dirigentenamt eines Gesangsvereins. Nach einer Probe wollte der Vorstand Meinardus einstellen – doch der Chor war dagegen. Statt Meinardus erhielt Wilhelm Lamping die Stelle.
Auf Meinardus war dann Friedrich von Bodelschwingh aus der Krankenanstalt „Bethel“ bei Bielefeld aufmerksam geworden. Meinardus erhielt dort ab April 1888 die Stelle als Chorleiter der Zionsgemeinde und gründete den ersten Kirchenchor, aus den in der noch jungen Anstalt Bethel dienenden Schwestern und Brüdern der Anstalt und Meinardus leitete in Bielefeld einen Gesangsverein.
Chorleiter der Zionsgemeinde in Bethel und die „Kantate auf Christi Geburt“
Seine Aktivitäten außerhalb der Chorarbeit in der Zionsgemeinde in Bethel führten zu dem Buch „Die deutsche Tonkunst“, zu den Kompositionen op. 44 – op. 48, darunter auch die „Kantate auf Christi Geburt“ für Chor und Gemeinde und Orgel (in Bielefeld 1888 uraufgeführt) und zu dem Buch „Liederquell für die Schul und für das Leben sangesfroher deutscher Jugend“. Auch hielt Meinardus acht Vorträge über die Geschichte der Musik mit meist über 150 Zuhörern. Bald wurde sein Portraitfoto gedruckt und war in ganz Bielefeld für jedermann erhältlich.
Der Chor der Zionsgemeinde hatte bald 30 Mitglieder, Meinardus hatte den wechselseitigen Gesang zwischen Chor und Gemeinde eingeführt. Wie einige Briefe von Fr. von Bodelschwingh zeigen, schätzte dieser die Arbeit von Meinardus sehr und empfahl den 64-jährigen Meinardus beim preußischen Kultusministerium für eine Professur. Im Frühjahr 1893 holte sich Fr. von Bodelschwingh den vergleichsweise noch jungen Pastor Johannes Kuhlo (1856-1941) nach Bethel, der in den Posaunen die tragende Kraft einer Reformation der kirchlichen Gesanges sah.
In seinen letzten Lebensjahren veröffentlicht Meinardus den Roman „Eigene Wege“, während seine 900 Seiten umfassende wissenschaftlich Arbeit über sämtliche Werke des Komponisten und Organisten Johann Wilhelm Häßler (1747-1822) nicht mehr gedruckt wurde.
Ludwig Meinardus verstarb 10. Juli 1896. Sein Grabkreuz befindet sich zwar noch heute auf dem Johannisfriedhof, doch leider ist die ersatzlose Entfernung und Einebnung der Grabstätte nicht fern.
Der umfangreiche Nachlass des kompositorischen und schriftstellerischen Nachlasses sowie Briefe, Dokumente, Testament und Tagebücher kam durch die Weitsicht der Nichte Else Meinardus, ins preußischen Staatsarchiv Hannover und schließlich nach Göttingen. R. Tronnier und auch Christa Kleinschmidt werteten den Nachlass von Meinardus aus und veröffentlichten ihre Arbeiten 1930 bzw. 1985 als musikwissenschaftliche Auswertungen seins musikalischen Schaffens.
In Bielefeld blieb Meinardus sozusagen „ein Mann zwischen Lamping und Kuhlo“. Wilhelm Lamping (1861-1929) war jener, der anstatt Meinardus 1885 die Stelle des städtischen Musikdirektors in Bielefeld bekam. Nach ihm wurde eine Straße in Bielefeld benannt. Johannes Kuhlo (1856-1941), der Posaunengeneral, war 1893 erfolgreicher Nachfolger von Meinardus in Bethel. Nach ihm wurde eine Realschule und ein Weg in Bielefeld benannt. Nach Meinardus wurde in seiner Geburtsstadt Jever eine Straße benannt und am 3.10.2006 gibt es dort im Schlossmuseum ein Konzert unter dem Motto „Mozart trifft Meinardus“.
Zu seinem 110. Todestag am 10.07.2006 erschien in Bielefeld von Dieter Nolden das Buch „Ludwig Meinardus – ein Komponist, Musikschriftsteller und Dirigent“, das an sein Leben, insbesondere auch an seine letzten Lebensjahre in Bielefeld erinnert.
Dieter Nolden : „Ludwig Meinardus – ein vergessener Komponist, Musikschriftsteller und Dirigent“, Nolden GmbH, Bielefeld 2006
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